WIssenswertes

Mehr HI wagen!

Das Netzwerktreffen selbst ist der beste Grund, warum HI (Humane Intelligenz) eine so große Rolle spielt – gerade auch bei den Digitalisierungsbemühungen. Wissen teilen, Erfahrungen besprechen, sich gegenseitig motivieren oder auch mal trösten – wenn man persönlich zusammenkommt, entsteht dies fast wie von selbst.

Aber die Gelegenheit für echte Gemeinschaft werden seltener. Digitale Tools, steigende Aufgabenlast und weniger Ressourcen – personell und zeitlich- beschneiden die Begegnungsfenster. Der Einsatz digitaler Tools schien die Lösung – nicht nur während der Pandemie.

Aber eine Information per E-Mail einzuholen oder zu verkünden, statt ein kurzes persönliches Gespräch zu führen, fühlt sich manchmal distanziert und häufig sogar als „zu wenig“ an.


Allein, allein - Ist das unsere Reise in die Zukunft?

Diese Entwicklung – technischer Fortschritt, der urmenschliche Angewohnheiten verschwinden lässt – wird besonders eindringlich in Robert D. Putnams „Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community“ aus dem Jahr 2000 beschrieben.

Es gehört zu den einflussreichsten sozialwissenschaftlichen Büchern der letzten Jahrzehnte. Putnams zentrale These lautet: In den USA ist seit den 1960er Jahren das soziale Kapital deutlich zurückgegangen. Damit meint Putnam soziale Netzwerke, gegenseitiges Vertrauen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Gemeinschaften.

Putnam unterscheidet beim sozialen Kapital zwei Formen:

Bonding Social Capital meint Verbindungen innerhalb ähnlicher Gruppen, die das exklusive Element innerhalb dieser Gruppe betonen. Heute könnte man dies mit den sogenannten „Echokammern“ vergleichen.

Bridging Social Capital meint Verbindungen zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen, die Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.

Dass dieses soziale Kapital so signifikant zurückgegangen ist, hat mehrere Ursachen. Putnam untersucht verschiedene Erklärungen und kommt zu dem Schluss, dass besonders zwei Faktoren bedeutsam sind.

Die besonders gemeinschaftsorientierte Generation, die während der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs geprägt wurde, wird durch weniger engagierte Kohorten ersetzt. Der zunehmende Fernsehkonsum (heute oft auf digitale Medien übertragbar) verdrängt Zeit für gesellschaftliche Beteiligung. Weitere Faktoren sind Pendelzeiten, Suburbanisierung und veränderte Arbeits- und Familienstrukturen.

Das klingt so als würden die Erkenntnisse auch für Deutschland zutreffen, da die gleichen gesellschaftlichen und technologischen Tendenzen hierzulande zutreffen.

Putnam zeigt anhand zahlreicher Datensätze aus den USA, dass die Beteiligung an Vereinen, Bürgerinitiativen, Kirchen, Gewerkschaften, Elternvertretungen und politischen Organisationen deutlich gesunken ist. Gleichzeitig haben Vertrauen und gemeinschaftliches Engagement abgenommen.

Der Titel „Bowling Alone“ bezieht sich auf ein bekanntes – zugegeben sehr amerikanisches - Beispiel: Obwohl mehr Menschen bowlen als früher, spielen immer weniger in Bowling-Ligen. Die Aktivität bleibt bestehen, aber die gemeinschaftliche Einbindung verschwindet. Das steht symbolisch für viele andere gesellschaftliche Bereiche.

Putnam argumentiert, dass Gemeinschaften mit hohem sozialem Kapital bessere Bildungsergebnisse, höhere Gesundheit, geringere Kriminalität, stärkere wirtschaftliche Entwicklung und eine lebendigere Demokratie aufweisen. Soziale Beziehungen seien daher kein „weicher Faktor“, sondern eine zentrale gesellschaftliche Ressource.


Vorsicht an der Bahnsteigkante, der KI-Hype fährt ein

Im Eingangsimpuls beim Netzwerktreffen haben wir argumentiert, dass durch KI-Einsatz freiwerdende Zeit doch für mehr echte Beziehungsarbeit genutzt werden könnte. So bekäme auch das soziale Kapital im Sinne Robert Putnams Zuwachs.

Allerdings ist der wahllose Einsatz der KI derzeit eher eine Gefahr und keine echte Lösung für übervolle To-Do-Listen. Die von uns im Impuls zitierten Studien belegen (Originalquelle in Englisch BFI_WP_2025-56-1.pdf), dass Effizienz und Zeitersparnis durch KI-Einsatz keine Selbstläufer sind.

Zwar werden durch KI die Aufgaben schnell(er) erfüllt, allerdings hat der Mensch dadurch neuen Aufwand.So müssen Beschäftigte prüfen, ob Fakten korrekt, Quellen vorhanden sind und ob der Text Fehler oder Halluzinationen enthält. Gerade in der Verwaltung kann die Prüfung daher länger dauern, als wenn man das Ergebnis selbst erstellt hätte.

Um KI im eigenen Kontext richtig zu steuern und das Ergebnis passend zu erhalten, verbringen Mitarbeitende viel Zeit mit Formulieren von Prompts, mehrfachem Nachbessern und Präzisieren von Anforderungen sowie im besten Fall dem Vergleichen verschiedener KI-Ausgaben. Meist könnte der Mitarbeiter mit dieser Zeitressource selbst ein vergleichbares Ergebnis erstellen.


Wer im KI-Hype unterwegs ist braucht ein Gruppenticket! 

Hält KI als Werkzeug Einzug in die eigene Organisation führt das zu neuen Aufgaben. Auch das Prüfen und Einhalten von Datenschutzvorgaben wird in der Verwaltung sehr akribisch verfolgt und verursacht teilweise erheblichen zusätzlichen Aufwand. Bis KI-Werkzeuge in die Prozessroutinen integriert sind und alle Beschäftigten sicher damit umgehen können, müssen zusätzliche Ressourcen aufgewendet werden.  Neue Anwendungen sind zu testen, Mitarbeitende zu schulen und im anfänglichen Gebrauch der KI zu unterstützen. Der Veränderungsaufwand, um bestehende Prozesse an das neue Werkzeug anzupassen, schmälert ebenfalls zu Beginn einen möglichen Effizienzgewinn.

Wer wirkliche Effizienzgewinne einfahren möchte darf bei allem Invest in technische Ressourcen das soziale Kapital in Verwaltungen nicht schmälern. Im Gegenteil: Organisationen, Mitarbeitern, Führungskräften muss die Möglichkeit gegeben werden stabile Netzwerke zu bauen um die zusätzliche Komplexität, unter anderem verursacht durch die technologische Dynamik,  bewältigen zu können. Das gilt für externe Netzwerke, aber vor allem auch für die innerorganisatorische Kultur, die von Feedback, Kollaboration und klaren Werten geprägt sein sollte. 

Wer lieber zum Thema etwas hören möchte, dem empfehlen wir zwei Podcasts, die uns ob ihrer humanen Intelligenz zu unserem Impuls inspiriert haben:

KI: PowerPoint darf aussterben, kritisches Denken nicht - Wegen guter Führung | Podcast on Spotify

Folge vom 06. April: Spart KI wirklich Zeit Episoden – PROMPTgenau